Das schnurrende Herz


Sven ließ seinen Superman durch die Luft segeln, die Wand im Flur hochlaufen und vom Kleiderschrank hinunterstürzen. Superman war unantastbar, Superman bekam keine Schramme. Superman gab keinen Schmerzensschrei von sich. Superman war Superman.
Doch allmählich langweilte sich Sven, den Plastikkörper von Superman in der Hand zu halten. Er wollte ihn nicht länger vom Schrank aufs Fensterbrett und dann zu Boden krachen lassen. Obwohl Superman keine Schramme abbekam. Obwohl er keinen Schmerzensschrei von sich gab. Obwohl er Superman war. Er war so starr, so regungslos, so unbeteiligt. Ein bisschen hätte er sich ja bewegen können…
Sven steckte Superman in seine Hosentasche und rannte zu seinem Vater. Der saß am Schreibtisch und blätterte in einem Buch mit langen Zahlenreihen. Sven kletterte auf Vaters Schoß und schmiegte sich an seinen Oberkörper.  
„Jetzt nicht“, sagte Jakob, sein Vater, und schob ihn von sich. „Ich habe keine Zeit, ich muss arbeiten. Spiel mit Superman.“
„Aber Superman ist faul. Immer muss ich alles für ihn machen!“ Sven knurrte, zog die Plastikfigur wieder aus seiner Hosentasche und ließ ihn in gefährlichen Luftsprüngen über die Dielen springen.  
In diesem Moment quietschte die Katzenklappe, und Feuerball kam lautlos näher. Feuerball war der fusselig rote Kater, der seit vielen Jahren in ihrem Haus lebte. Geduckt schlich er an Jakob heran, ging in die Hocke und sprang auf seinen Schoß.
„Feuerball will geschnurrt werden“, sagte Sven.
„Was will Feuerball?“ Sylvia, Svens Mutter, war im Flur stehen geblieben. Ihr Kittel war ganz mit bunter Farbe bekleckert, denn sie malte gerade an einem Ölgemälde mit dem Titel ‚Katerkratzspuren‘. „Was will er?“
„Er will geschnurrt werden“, wiederholte Sven. „Feuerball will, dass Papa ihn streichelt.“
Jakob lächelte und kraulte Feuerballs fusselig rotes Fell. Sofort fing der Kater an zu schnurren, rieb seinen Kopf an Vaters Bauch und streckte und reckte sich.
„Ich will auch geschnurrt werden“, rief Sven, ließ Superman fallen und rannte auf Jakob zu. Er kniete sich neben ihn und legte seine Wange auf Vaters Schenkel. Dabei berührte er mit dem Hinterkopf Feuerballs Fell.
Sven spürte, wie vom Kater ein wohliges Brodeln ausging, als würde Wasser zum Kochen gebracht. Oder als würde ein Dieselmotor leise vor sich hin tuckern. Das Schnurren durchdrang seinen Schädel, sein Gehirn, seine Ohren. Alles in ihm schien zu schnurren. Seine Augen, seine Nase, sein Mund, sein Herz. Er fühlte sich wohlig geborgen.
„Ich auch! Ich will auch geschnurrt werden!“ Sylvia lief auf Jakob zu,  kniete sich und legte ihre Wange auf Jakobs anderen Oberschenkel.
Für einen Moment war Vater ganz still. Nur das Schnurren von Feuerball wurde immer lauter, wirkte immer zufriedener. Dann aber nahm Jakob den Kater mit beiden Händen, setzte ihn auf den Boden und donnerte: „So geht das nicht, so nicht!“
Mit Wucht klappte er das Zahlenbuch zu, sprang auf und fuchtelte bedrohlich mit den Händen. Er warf sich zu Boden und streckte Arme und Beine hoch. „Ich will auch geschnurrt werden!“, rief er ganz laut. „Ich auch!“
Sofort fielen Sven und Sylvia über ihn her. Sie streichelten und kraulten sich und schnurrten so laut, dass Feuerball verwundert mit den fusselig roten Ohren zuckte.
Eigentlich sind sie ganz nett, dachte er, und vor allem lernfähig.  Wenn die Zweibeiner uns Kater nicht hätten, würden sie in Zahlenreihen, Plastikfiguren und Arbeit ersticken und wüssten nicht, was Streicheln und Schnurren bedeutet. Denn Schnurren geht ganz tief ins Herz. Ich gebe ihnen etwas Zeit, um das zu lernen. Aber später, dann bin ich wieder dran!
Mit einem lässigen Pfotenhieb schubste er Superman zur Seite, sprang auf die Katzenklappe zu und verschwand im Garten auf der Suche nach neuen Abenteuern.

Ursula Flacke, Der goldene Palast, 2018